Wenn es regnet, singen die Frösche
Von Susanna Petrin
Das Land, in dem Faultiere zu den Lieblingen gehören, ist auch sonst geeignet, uns die protestantische Arbeitsethik auszutreiben. Eine Reise durch Costa Rica, die glücklichste Nation der Welt, macht glücklich.
Es gibt auf Costa Rica Anhöhen, von denen aus man die beiden grössten Ozeane der Welt gleichzeitig sehen kann, den Pazifik und den Atlantik. Eine Aussicht, welche die halbe Welt umfasst, straft Lügen, was man in der protestantisch geprägten Schweiz schon als Kind eingebläut bekommt; nämlich dass man nicht den Fünfer und das Weggli haben kann. Costa Rica ist auch deshalb ein wunderbares Ferienland, weil man dort ständig beides bekommt: Atlantik und Pazifik, Vulkan und Regenwald, Rastafaris und Indios, River Rafting und Reiten, Abenteuer und Sicherheit, Faultier und Kolibri. Wie bei einem mit Wasserfarben bemalten Blatt, das gefaltet und wieder geöffnet worden ist: alles doppelt farbig.

Zugegeben, wir Journalisten werden auf unserer knapp einwöchigen Reise durch das zentralamerikanische Land besonders verwöhnt: Mit luxuriösen Unterkünften, herzhaftem Essen, einem allwissenden Reiseführer und einem dichten Programm. Eine einfachere, private Costa-Rica-Reise vor sechs Jahren hat mich damals genauso begeistert.

Grösste Artenvielfalt der Welt
Tourismus ist mittlerweile der wichtigste Einkommenszweig des Landes – vor den Ananas, den Bananen und dem Kaffee, die in dieser Reihenfolge die wichtigsten Exportgüter ausmachen. Trotzdem fühlt es sich fast nirgendwo im Land unangenehm touristisch an – mit Ausnahme vielleicht im und um den beliebten Nationalpark Manuel Antonio und offenbar an einigen Stränden auf der Halbinsel Nicoya. Costa Rica will denn auch alle möglichen Zielgruppen ansprechen: vom Pauschalurlauber zum Luxusreisenden, vom stillen Naturliebhaber bis zum Adrenalinkick-Suchenden. Dem Letzteren werden wilde Riverraftings, Ziplines zwischen Baumkronen, Ultraleicht-Flüge und sogar Bungy-Jumping geboten.

Doch von vielen guten Gründen für eine Reise hierher ist der wohl beste die Natur Costa Ricas. Seine Strände, seine Vulkane, seine Urwälder – vor allem sie. In einem Dok-Film wird behauptet, dass im costa-ricanischen Primärwald auf einem einzigen Baum 20 000 weitere Pflanzenarten hocken, sogenannte Aufsitzerpflanzen, Epiphyten. Sicher ist: Costa Rica beherbergt auf seinen 0,035 Prozent der Erdoberfläche 5 Prozent aller auf der Welt vorkommenden Arten: Es hat hier mehr Schmetterlinge als in ganz Afrika, mehr Vogelarten (850) als in den USA und Kanada zusammen.

Ein Grund für diese Vielfalt ist seine Lage zwischen Nord- und Südamerika. Costa Rica bildet mit den Nachbarländern die um einige Millionen Jahre jüngere Landbrücke zwischen den alten Kontinenten. Hier treffen sich die Arten von beiden Seiten.

Mit den Geräuschen des Urwalds einzuschlafen und wieder aufzuwachen, gehört zu den schönsten Erlebnissen dieser Reise. Und das nicht in einem klammen Zelt, sondern im Himmelbett einer Öko-Lodge. Die Pacuare-Lodge ist wohl eine der romantischsten Übernachtungsgelegenheiten auf diesem Planeten. «Wenn ich mal meine Traumfrau gefunden habe, komme ich mit ihr hierher», sagt ein Kollege.

Als Lodgebetreiber Roberto Fernandez vor bald 30 Jahren seine Absicht kundtat, inmitten von 100 Quadratkilometern Regenwald eine Herberge für Touristen zu errichten, hätten alle gelacht, wie er erzählt. Drei Jahre brauchte er allein, um das Landstück zu entsumpfen. Zum Partner nahm er sich dabei einen bis dahin berüchtigten Wilderer der Region. Keine Strasse führte in diese Wildnis, nur der Fluss Pacuare. Auf Rafts, und manchmal ohne, schwimmend, transportierten Fernandez und seine Helfer Baumaterial, Holzstämme, einen Traktor, Geräte. «Alles war eine Herausforderung.»

Vor 26 Jahren wurde die Pacuare-Lodge eröffnet. Und mit ihr ein Programm zum Schutz des gefährdeten Jaguars. Ein wichtiger Teil dessen: Die Aufklärung über Tier- und Artenschutz in der Schule, um in den Kindern den Sinn für die Natur zu wecken. Zum Beispiel bei einem Flug über das Gebiet. Einzigartig für manche Kinder der Region. Zwei von den ersten, die das erlebten, arbeiten heute für Fernandez: einer als Koch, einer als Rafting-Guide.

Die Autorin bittet an dieser Stelle ihre Mutter, die folgenden beiden Abschnitte zu überspringen.
Denn diese Naturidylle im Dschungel erreichen ihre Besucherinnen und Besucher unter Adrenalin und Geschrei: per Riverrafting auf dem Fluss Pacuare. Das Wasser bot lange für alle den einzigen Weg dahin. Inzwischen bewältigen zwar auch Offroader eine rudimentäre Holperstrasse hin und zurück. Doch wer irgendwie in der Lage ist, sollte sich zur Flussfahrt entscheiden. Vor allem der zweite, längere Abschnitt nach Verlassen der Lodge gilt als eine der landschaftlich schönsten Rafting-Strecken der Welt.

Mit bis zu Level-4-Stromschnellen ist sie allerdings auch anspruchsvoll. Der Befehl «go down, go down», bei dem man sich im Boot duckt und wilde Strudel irgendwie zu überleben versucht, versetzte die Autorin jeweils so sehr in Panik, dass sie sich zweimal die Lippe am Helm der Vorderfrau aufschlug. «Das nennen wir Souvenir», sagt der Guide. Für Jean Carlo, der bereits die wildesten Flüsse der Welt befahren hat, muss sich der Rio Pacuare ausnehmen wie der Kinderlift für einen Skirennfahrer. Was der indogene Name «wuako» für die heftigste Stromschnelle übersetzt heisst, will er aber erst verraten, nachdem wir sie passiert haben: «Friedhof».

Pacuare bezaubert unsere Gruppe derart, dass wir beim Abendessen unterm Sternenhimmel beschliessen, einen Tag länger zu bleiben. Dafür fällt ein anderer Programmpunkt weg: ein Nebelwald. Ein grosser Fehler, wie ich aus meiner früheren Costa-Rica-Reise weiss. Denn der Nebelwald ist eines der seltensten Ökosysteme der Welt und eines der schönsten. Man wähnt sich darin wie in einem Walt-Disney-Film: Die Sonne scheint durch saftiges Grün, ein Bächlein rauscht, in Lichtungen schwirren Kolibris und Schmetterlinge. Wer viel Glück hat, sieht sogar einen Tapir oder einen Quetzal, Costa Ricas prächtigsten Vogel. Ein kleiner, zauberhafter Nebelwald findet sich im Nationalpark Quetzales. Grösser und bekannter ist das Gebiet Monteverde.

Wir fliegen einen Tag später in eine weitere Gegenwelt, eine Hacienda mit eigenem Minilandeplatz. Das Boutique Hotel Alta Gracia liegt am Berghang des Pérez Zeledón, in einem bis vor kurzem gänzlich untouristischen Gebiet. Wie im Jurassic Park wird man hier vom Personal in Clubwägelchen von der Lobby zu seinem Häuschen (Casita) gefahren – oder von der Casita zum Spa, zum Infinity Pool, zu den Pferdestallungen. Diese Hotelzimmer sind Wohnungen, im Schnitt fast so gross wie die eigene daheim, aber mit grösserem Fernseher und kilometerweiter Aussicht. «Es fehlt nur noch, dass die Leute einem hier die Zähne putzen», pflegt mein Vater diesen Grad der Verwöhnung zu kommentieren.

Land ohne Armee
Costa Rica, reiche Küste, so nannte Kolumbus bei seiner Ankunft im Herbst 1502 das Land. Er und seine Mannen hatten erwartet, dass es hier Gold und Jade zu bergen gebe – und wurden alsbald enttäuscht. Bis heute kommt das Land ohne teure Rohstoffe über die Runden. Stattdessen setzte es schon früh auf andere Schätze, die sich inzwischen viel mehr für die Bevölkerung auszahlen: Auf Bildung, auf Gesundheit, auf Demokratie – und seit den letzten Jahrzehnten auch auf Naturschutz, auf Wiederaufforstung. Die Armee dagegen wurde 1948 abgeschafft.

Die Ticos und Ticas sind stolz darauf, mehr Lehrerinnen und Lehrer zu haben als alle Armeeangehörigen der anderen zentralamerikanischen Länder zusammengenommen; die Alphabethisierungsrate liegt bei 98 Prozent. Und nun will es als erstes Land der Welt komplett auf grünen Strom setzen.

Man muss aufpassen, damit man das Land vor lauter Begeisterung nicht idealisiert. Auch Costa Rica kennt Probleme mit Drogenbanden, den Boden verseuchenden Pestiziden und Korruption – allerdings hält sich letztere in Grenzen, Costa Rica liegt unter allen lateinamerikanischen Ländern auf dem drittbesten Platz. Seit Jahren den ersten Platz belegt Costa Rica auf dem weltweiten Happy Planet Index. Das Landesmotto «Pura Vida» ist keine leere Floskel. Man stresst sich nicht, man geniesst. Egal, ob die Sonne scheint oder es wie aus Kübeln giesst. Denn, so sagt es unser Reiseführer Enrique Balsevicius: «Wenn es regnet, dann singen die Frösche.»

Diese Reise folgte aufEinladung der Fluggesellschaft Edelweiss Air. Sie wurde organisiert von der Agentur Ferris Bühler Communications, mithilfe der Tourismusbehörden Costa Ricas.
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