Hier ist London very british
Von Jan Graber
Camden Market London.
London hat mehr zu bieten als nur Shopping, Museen und imperiale Architektur. Die Stadtteile südlich der Themse befinden sich im rasanten Wandel, im Norden stehen pittoreske Quartiere: Ein Besuch der unbekannten Seiten der britischen Metropole.

Die Wintersonne scheint durch die Fenster des Café Madeleine in Clapham. Im Lokal sind die Gäste ins Gespräch vertieft, während Cappuccinos und Tees dampfen. Zehn Kilometer nördlich bleiben Spaziergänger mit Dampfschwaden vor dem Gesicht auf dem Parliament Hill stehen und schauen gebannt in Richtung Süden, wo die neu errichteten Wolkenkratzer im Zentrum Londons näher als sonst scheinen. Derweil reibt sich Uman Khalid in Hampstead die Hände warm vor seiner zu einem Café umgebauten Telefonkabine.

Was die drei Orte gemeinsam haben? Sie zeigen London, wie die Stadt von vielen Besuchern selten gesehen wird – ein London «off the beaten tracks», abseits des Shoppens und der ausgetretenen Pfade.

18,6 Millionen internationale Gäste verzeichnete die britische Hauptstadt im Jahr 2015, hinzu kamen über 12 Millionen Besucher aus dem Inland. Viele reisen geschäftlich nach London, der Grossteil besteht aber aus Touristen. Sie drängen sich am liebsten an Hotspots wie in Covent Garden, am Trafalgar Square, beim Buckingham Palace oder entlang der beliebtesten Einkaufsmeile, der Oxford Street. An der U-Bahn-Station Oxford Circus kann die Menschenmenge so dicht werden, dass der Zutritt aus Sicherheitsgründen auch schon mal geschlossen wird. Londoner sind hier nur anzutreffen, wenn es gar nicht anders geht.

Wer nicht auf so viel Menschennähe steht, findet in den umliegenden Zonen ein mindestens so spannendes, vor allem aber britischeres London vor: Nachbarschaften mit viktorianischen, georgianischen und edwardianischen Strassen, meist gepflegt, bisweilen auch etwas schäbig. Zum Beispiel im südlichen Stadtteil Clapham, der sich Ende des 20. Jahrhunderts von einer ehemaligen Schlafstadt in ein lebendiges Wohn- und Arbeitsquartier verwandelte. In Clapham (mit dem im Sommer beliebten Clapham Common Park) ist zu sehen, wie sich der ehemals wenig attraktive Süden Londons zu einem hippen «place to be» mausert, wo aber immer noch viele Einheimische leben.

Wo die Stadt aufblüht
In unmittelbarer Nähe des Madeleine Café am Nordrand von Clapham Common fährt der 35er-Bus Richtung Osten. Er durchquert Brixton – einen Schmelztiegel karibischer, afrikanischer und asiatischer Ethnien. Das Quartier litt in den 1980er- und 1990er-Jahren wegen der hohen Kriminalität und Aufständen unter einem miesen Ruf, befindet sich nun aber wie der Rest des Südens im Wandel. Bereits fortgeschritten ist dieser im weiter östlich gelegenen Camberwell. Der Stadtteil hat mit der Camberwell Grove eine der architektonisch schönsten Strassen Londons zu bieten. Noch ist Camberwell nicht gentrifiziert und wirkt an den Rändern immer noch wohltuend rau.

Die 35er-Linie biegt anschliessend Richtung Norden ab, um bei der London Bridge die Themse zu überqueren. Kurz davor lockt ein Besuch des gedeckten Borough Market, wo sich alles ums Essen dreht: Zahlreiche Streetfood-Stände buhlen um die Gunst der hungrigen Besucher. An einem Samstag kann hier der Dichtestress allerdings fast so gross sein wie am Oxford Circus.

In diesem Fall bietet sich ein Abstecher mit der Jubilee-Underground-Linie nach Bermondsey an. Das ehemals berüchtigte Quartier hat einen solch grundlegenden Wandel erfahren, dass an der Bermondsey Street nicht nur ein Ableger der renommierten White Cube Gallery ein Domizil errichtet hat: Die Strasse ist dicht bepackt mit angesagten Restaurants. Neben hübschen Boutiquen und Cafés hat Bermondsey den Spa Terminus Market zu bieten – ein Geheimtipp. Rund dreissig Food-Produzenten bieten in Viaduktbögen ihre lokalen Waren an; hinter den einfachen Ständen tun sich die grossen Arkaden-Hallen auf. «Wir verarbeiten die Würste und das Fleisch direkt hier vor Ort», sagt der Verkäufer von Crown & Queue Meats und reicht schmackhafte Wurstriegel zum Probieren.

Wer kein Loch im Bauch zu füllen hat, aber hungrig auf London Fashion und Krimskrams ist, fährt – noch immer mit der 35er-Linie – weiter nach Shoreditch nördlich der Themse, um den trendigen Brick Lane Market zu besuchen. Es gibt fast nichts, das sich auf dem Flohmarkt nicht finden lässt. Etwas nordwestlich liegt der Columbia-Road-Blumenmarkt, der sich mittlerweile zu einem Shopping-Paradies mit Antiquitäten-Geschäften, Galerien, Schmuck- und Beautyshops gemausert hat. Kaum eine Gegend ist in einem so rasanten Wandel begriffen wie der Osten Londons. Quartiere wie Dalston und Hackney – einst heruntergekommene Gegenden – entwickeln sich derzeit zu den hippsten Nachbarschaften und verzeichnen Steigerungen der Hauspreise von fast 60 Prozent in den letzten fünf Jahren.

Im wohlsituierten Norden
«Bei uns findet wöchentlich noch etwa ein Begräbnis statt», sagt der Ticketverkäufer am Eingang des Highgate Cemetery. Auf dem Friedhof liegen Grössen wie Karl Marx und Malcom McLaren begraben. Es sind aber nicht nur die grossen Namen, die einen Friedhofsbesuch wert sind: Die schütteren, schiefen, von Pflanzen überwachsenen Gräber, wildes Wuchern und ein altenglisches Ambiente verleihen der Ruhestätte etwas ebenso Monumentales wie Spektakuläres. Während der östliche Friedhofsteil gegen eine Gebühr allen Besuchern offensteht, finden in den Westfriedhof nur Teilnehmer einer offiziellen Tour Eintritt.

Östlich des Friedhofs liegt Muswell Hill – eine der begehrtesten Nachbarschaften Londons: Das lebendige Quartier lockt mit lokalen Bäckern, Metzgern, Cafés, dem auf Superfoods spezialisierten «Planet Organic» sowie dem eindrücklichen Everyman-Cinema und versprüht einen unwiderstehlichen Charme. Vom Quartiersträsschen Hillfield Park eröffnet sich zudem ein atemberaubender Blick hinunter auf London.

Näher präsentiert sich die Stadt vom Aussichtspunkt Parliament Hill im wild-romantischen Hampstead Heath. Der Park ist mit dem Wechselspiel aus gepflegten Rasenanlagen und kontrolliertem Wildwuchs ein gutes Beispiel für die hohe Kunst der britischen Gartengestaltung – und ein Ort, in dem man sich wunderbar verlaufen kann. Mit ein wenig Glück findet man auf der westlichen Seite aber den Ausgang ins Dorf-ähnliche Quartier Hampstead.

Sigmund Freud, die Schauspielerin Judi Dench und der Sänger der Britpop-Band Oasis, Liam Gallagher, und viele weitere Künstler, Musiker, Schauspieler und Intellektuelle wählten Hampstead zu ihrer Heimat. Zwar sind die Einkaufslokale vorwiegend von weltweit vereinheitlichten Ladenketten besetzt, in den hübschen Nebengässchen weht aber immer noch der Geist der Romane Charles Dickens. An Wochenenden ist Hampstead zudem ein beliebtes Ziel bei Londonern, die die Luft der Berühmtheiten und Bessergestellten atmen wollen.

Das Telefonzellen-Café
An der Hampstead High Street steht auch das Kape Barako. Das derzeit einzige Telefonzellen-Café Londons wird von Uman Khalid geführt, der unter freiem Himmel Kaffees und andere Getränke ausschenkt und bei Wind und Wetter den Tag im Freien verbringt. Die ganze Technik des Cafés ist in eine der markanten roten Telefonkabinen Londons eingebaut; sie werden von einer Organisation vermietet, die diese Markenzeichen Londons erhalten will. «Das einzige andere mir bekannte Telefonzellen-Café steht in Brighton», sagt Khalid.

Bergabwärts führt die High Street schliesslich zu einer weiteren Perle: zum pittoresken Primrose Hill. Das Quartier ist voller herziger Cafés, feiner Restaurants und kleiner, exklusiver Shops. Allein die Atmosphäre des Orts ist einen Besuch wert und nichts lässt die Nähe des tumultuösen Camden Market vermuten. Am südlichen Ende von Primrose Hill führt der Regent’s Canal aber direkt von der Ruhe ins laute Tohuwabohu der billigen Souvenir-, Mode- und Accessoire-Shops des Camden Market; der Übergang zurück in die vom Massentourismus heimgesuchte Zone könnte überwältigender nicht sein.
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